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  • judithheuer

Update 2: Covid-19 aus Sicht einer Ärztin und Achtsamkeitstrainerin

Aktualisiert: März 12

Seit meinem letzten Blogbeitrag zu Covid-19 ist die Situation noch labiler geworden.

China und Italien haben uns vorgemacht, wo es hinführt, wenn nicht frühzeitig intensive Gegenmaßnahmen zur Eindämmung von Sars-Cov-2 eingeleitet werden. Italien ist uns zeitlich 14 Tage voraus und dort, wo Italien jetzt steht, möchten wir in 2 Wochen definitiv nicht sein. Auch ist noch ist völlig unklar, womit die immens hohe Sterblichkeit- im Vergleich zu China- in Italien zusammenhängt. Entweder es wird dort mehr und post mortem (nach dem Tod) getestet, wodurch auch diejenigen Verstorbenen auffallen, die sonst durch das Raster gefallen wären, oder aber sie testen weniger und erfassen dadurch proportional nur die Kränkeren mit dem höheren Risiko bei einer hohen Dunkelziffer von leicht Erkrankten. Es gibt dazu noch keine gesicherten Informationen, aber es bleibt alarmierend.

Trotzdem gibt es bei uns keine einheitliche Linie, sondern eine gefährliche Mischung aus Ignoranz, Unwissenheit, Planlosigkeit, Verunsicherung und Hysterie, die sich durch die Medien, Politik und Bevölkerung zieht, dazwischen einige, die begriffen haben, worum es geht und versuchen ihren Beitrag zur Infektionsverlangsamung konsequent durchziehen, sowohl im Job als auch privat. Teilweise ist das, was gestern galt heute längst hinfällig oder Nachrichten widersprechen sich. Kein Wunder also, dass sich viele nicht mehr auskennen.


Es gibt derzeit so viele Themen zu Covid-19, und Vieles mag man nicht mehr hören, sodass ich hier nur das darstellen möchte, was in den Medien noch zu kurz kommt. Ansonsten wäre dieser Blog endlos…


1. Immer noch wird Covid-19 als in Vergleich zur Grippe harmlos dargestellt. Egal wo, irgendjemand nennt als Totschlagargument die Tausenden bis Zehntausenden jährlichen Grippetoten in Deutschland. Doch wie diese Zahl zustande kommt, und dass es sich dabei um eine reine Schätzzahl handelt, die man halt irgendwann einmal so definiert hat und seitdem dabei geblieben ist, wissen die wenigsten.

Und so entsteht diese Zahl: „Die Zahl der mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle wird – vereinfacht dargestellt – als die Differenz berechnet, die sich ergibt, wenn von der Zahl aller Todesfälle, die während der Influenzawelle auftreten, die Todesfallzahl abgezogen wird, die (aus historischen Daten berechnet) aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Influenzawelle gegeben hätte. Das Schätz-Ergebnis wird als sogenannte Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) bezeichnet. In Deutschland wird, wie in vielen anderen Ländern, die Zahl der Gesamttodesfälle für die Schätzung verwendet.“(Quelle: https://www.rki.de/SharedDocs/FAQ/Influenza/FAQ_Liste.html).

Nicht berücksichtigt wird dabei, dass Menschen in Wintermonaten (in denen die Influenza nun einmal aktiv ist) eben auch an anderen Erkrankungen gehäufter sterben, so wird z.B. jeder Tod durch eine Lungenentzündung dann als Influenza eingestuft oder eine Herz-Kreislauf-Erkrankung oder ein Diabetes etc. mit Todesfolge. Tatsächlich laborbestätigte Fälle gibt es signifikant weniger. In der Saison 2018/ 2019 wurde 954 Todesfälle mit (und nicht durch!) Influenza an das RKI übermittelt. Dabei wurde in 581 Fällen Influenza als Todesursache angegeben, in den anderen Fällen war die Influenza-Erkrankung nicht maßgeblich für das Versterben. (Quelle: https://influenza.rki.de/Saisonberichte/2018.pdf). In der aktuellen Saison sind bisher 202 Todesfälle bekannt, dabei geht man davon aus, dass der Grippehöhepunkt bereits überschritten ist ( Quelle: https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2019_2020/2020-09.pdf). Viele Ärzte sehen das Schätzen der Grippetoten nach der Exzess-Mortalität kritisch (z.B. https://www.aerzteblatt.de/archiv/170864/Influenza-Woher-kommt-die-Zahl-der-Todesfaelle) und in Zeiten moderner Nachweisverfahren als nicht mehr zeitgemäß an. Es wird interessant werden, wohin die SARS-Cov-2 Todesfälle einsortiert werden.


2. In meinem letzten Blogbeitrag habe ich bereits über das Testverfahren gesprochen.

Nach wie vor wird das Testverfahren als Rachen-/ Nasenabstrich durchgeführt, teilweise ist sogar schon von einem Mund-/Nasenabstrich die Rede, dabei hat das RKI schon länger darauf hingewiesen, dass u.U. nur eine Probenentnahme aus den unteren Luftwegen in Kombination mit einer Stuhlprobe eine Infektion sicher ausschließen kann (Quelle: https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Vorl_Testung_nCoV.html). Wie problematisch die unzureichende Probengewinnung ist, konnte man exemplarisch anhand des Ehepaares des Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“ sehen, das als gesund nachhause geschickt wurde und in Australien angekommen infiziert war. Der Ehemann ist in Perth verstorben.

Auch die Berichte aus China zu Rachenabstrichen als diagnostischen Nachweis bestätigen das schlechte Abschneiden des Tests. In gerade einmal 59% wurde das Virus via PCR aus Rachenabstrichen bei Infizierten gefunden, weshalb man in China dazu überging, Lungen-CTs als schnelles und sicheres Diagnostikum serienmäßig einzusetzen (Quelle: https://pubs.rsna.org/doi/full/10.1148/radiol.2020200642). Fragt sich, warum man nicht aus der Erfahrung der Chinesen lernt, sondern weiter auf den Test als Rachenabstrich setzt.

Seit neuestem gibt es diesen nun auch als „Drive-in“ oder im Rahmen einer Videosprechstunde zum Selbstabstrich für zuhause ( Quelle: https://www.daserste.de/information/talk/anne-will/videosextern/quarantaene-hamsterkaeufe-abgesagte-veranstaltungen-wie-berechtigt-ist-die-angst-vor-dem-coronavirus-100.html) . Ich bin ein Fan von Videosprechstunden und biete diese auch selbst an, aber ob unter diesen Bedingungen tatsächlich ein Test funktionieren kann, bei dem es schon unter klinischen Bedingungen Probleme gibt? Wohl eher nein, trotzdem verlässt man sich darauf und gaukelt damit eine Sicherheit vor, die er in dieser Form nicht hergibt und riskiert, dass Infizierte weiter andere anstecken oder die Erkrankung erst in einem fortgeschrittenem Stadium entdeckt wird.


3. Die ethische Frage: „Wenn man schon an Corona erkrankt, dann in Deutschland. Deutschland hat 25.000 Beatmungsplätze. Wir sind bestens vorbereitet.“

Der Faktencheck: Deutschland liegt im internationalem Ranking für seine Vorbereitungen in Bezug auf Covid-19 auf Platz 14 (Quelle: https://de.statista.com/infografik/20951/vorbereitungsgrad-im-fall-des-ausbruchs-einer-epidemie-pandemie/) Von 25.000 Beatmungsplätzen sind regelhaft mindestens 80% ausgelastet, bleiben also 5000 Beatmungsplätze für Covid-19 Patienten, also 1 Platz für 16.000 Einwohner, die an Covid-19 erkranken könnten. Damit wird sehr schnell sehr deutlich, wie knapp wir damit im Zweifelsfall aufgestellt sind und wie schnell dann plötzlich ethische Fragen relevant werden: Wer bitte entscheidet, ob nun ein 80-jähriger, ein Flüchtling ohne Krankenversicherung oder eine 40jährige Mutter von 2 Kindern den Beatmungsplatz bekommt? Nehme ich jemanden von der Beatmung ab, damit ein anderer mit besserer Prognose ihn bekommt? In Italien ist dieses Szenario bereits Realität und es wird unter Ärzten offen darüber diskutiert, bei der Vergabe von Beatmungsplätzen Jüngere mit besserer Prognose vorzuziehen. Wir können nicht erst dann reagieren, wenn Beatmungsplätze gebraucht werden, sondern müssen diese jetzt einrichten. Falls sie dann doch nicht benötigt werden-super!


4. Völlig planlos der Umgang mit Großveranstaltungen: Nach der Erfahrung in Heinsberg müsste man doch wissen, was passiert, wenn Menschen dicht auf dicht aufeinander treffen. Trotzdem fanden am Wochenende weiterhin Fußballspiele statt, auf der anderen Seite werden Messen abgesagt. Eine Zahl von 1000? Auf der Karnevalsveranstaltung waren angeblich 500-600. Österreich wählt als Obergrenze in Räumen 100, außerhalb 500. Etwas mehr Panik in Deutschland wäre da hilfreich.


5. Das RKI und seine Vorgaben zur Quarantäne: Im medizinischen Bereich ist die 14-tägige Quarantäne nach Kontakt mit einem SARS-Cov-2 Infizierten jetzt schon nicht mehr zu halten, da sonst schlichtweg das Personal fehlt. So geschehen in Aachen nach der Infektion einer Mitarbeiterin auf der Frühgeborenen-Intensiv-Station und in Arztpraxen im Kreis Heinsberg. Da bleibt immer nur zu hoffen, dass es nicht doch zu Infektionsketten kommt. Letztlich wird es aber bei dieser pragmatischen Lösung bleiben müssen, wenn die medizinische Versorgung aufrechterhalten bleiben soll. Die Quarantäne für den Rest der betroffenen Bevölkerung ist schon nicht mehr zu überwachen. Da bleibt es nur bei dem Appell diese auch einzuhalten.


-Bei aller Hilflosigkeit, die einem bei diesen Themen entgegenschlagen mag, kann doch jeder dazu beitragen, dass sich das Virus langsamer verbreitet und wir Zeit gewinnen. Eigentlich ist es ganz einfach: Das Virus ist ohne uns nichts. Es ist hilflos, denn es braucht uns als Wirt um sich zu vermehren. Je weniger wir ihm die Möglichkeit geben, sich bei uns einzunisten, umso schlechter geht es ihm. Das ist der Trumpf, den wir in der Hand haben und den müssen wir ausspielen.

Und was kannst du nun tun?

-in die Ellenbeuge Niesen und Husten und andere höflich darauf aufmerksam machen, das genauso zu tun

- Hände oft mit Wasser und Seife waschen (Die Virushülle ist lipid (=fett) haltig. Kommt sie mit Seife in Kontakt, geht sie und damit das Virus kaputt. Du brauchst also gar kein Desinfektionsmittel. Fast jedes haushaltsübliche Reinigungsmittel enthält Alkohol, was die Lipidhülle zerstört. Möchtest du Oberflächen wie Türgriffe etc. desinfizieren, reicht das in der Regel aus.)

-Hände unterwegs nicht zum Gesicht führen,

-auf Händeschütteln, Umarmungen etc. verzichten, stattdessen Blickkontakt suchen und von Herzen begrüßen,

-Abstand halten,

-frage dich bei jeder Veranstaltung, ob du da hin musst,

-gehe- falls möglich- ins Homeoffice,

- fahre Fahrrad oder gehe zu Fuß, statt öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen,

-sorge gut für dich und deine Angehörigen, achte auf eine gesunde Ernährung, gönne dir ausreichend Schlaf, treibe Sport im Freien, reduziere Stress, meditiere.

Die Kunst in solch schwierigen Zeiten ist, den Focus nicht auf das zu richten was gerade nicht möglich ist, sondern sich über das zu freuen, was noch geht. Und last but not least: „Nichts auf dieser Welt ist von Dauer. Nicht einmal unsere Sorgen.“(Charlie Chaplin)

Pass gut auf dich auf und mögest du glücklich sein!

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